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Wirkliches Zuhören findet fast nie statt - Folgen und Auswege

Die Aussage, „ich verstehe genau was du meinst“ sollte einen stutzig machen. Spricht man doch selbst gerade und entwickelt die eigenen Gedanken, wie kann dann der andere wissen was man meint? Viel eher deutet die Aussage auf Ungeduld hin, weil die andere Person selbst etwas sagen möchte und viel wichtiger, dass sie auch gehört werden möchte. Wirklich gehört zu werden, ist ein Grundbedürfnis von Menschen, das immer seltener erfüllt wird.

Wirklich Zuhören – Voraussetzung für Entwicklung

Ich verstehe unter wirklichem Zuhören weit mehr als die Schallwellen des Gesprächspartners wahrzunehmen und daraufhin die eigenen Assoziationen dazu abzurufen. Zuhören ist für mich auch ein generativer Prozess in dem Beziehungen und Bedeutungen neu verhandelt werden, um zu lernen und sich zu entwickeln. Das gilt für Einzelpersonen, Gruppen, Familien und Organisationen.

Zugegeben, reden macht auch Spaß, besonders dann, wenn man Zustimmung erntet und der eigene Standpunkt als „richtig“ anerkannt wird. Weniger Spaß macht es wenn man z.B. in einem Meeting redet und redet und man weiß nicht ob das was man mitteilen möchte ankommt. Da ist es dann schon sehr befreiend, wenn jemand wirklich zugehört hat und mit eigenen Worten wiedergibt, was er verstanden hat. Würde dann der Zuhörer auch noch vertiefende, konstruktive Fragen stellen, dann könnte so etwas wie ein kreativer Flow im Gespräch entstehen. Aber dahin ist es vielerorts noch ein langer Weg, denn es gibt meiner Erfahrung nach kaum eine Kultur des Zuhörens, weder im Privaten, noch im Beruf.

Gute Gründe, warum wir fast nie wirklich zuhören

Ich kann nur Vermutungen anstellen aus welchen Gründen ein echtes Zuhören so gut wie nie stattfindet, weder im Mitarbeitergespräch, im Meeting, in der Beziehung, im Jobinterview, beim Smalltalk auf der Party.

Könnte es daran liegen, dass Zuhören…

  • bedeutet neue Informationen aufzunehmen, die den eigenen Standpunkt in Frage stellen könnten und somit Eigeninteressen gefährdet würden, die dann verlorengingen?
  • zu einer Änderung des eigenen Standpunktes führen könnte, was in unserer Kultur als Fehler oder Schwäche gewertet würde?
  • in Schulen kulturfremd ist, wo die SchülerInnen einseitig zum passiven Zuhören verdammt sind und weder LehrerInnen noch SystemunterstützerInnen einen Dialog vorleben, bei dem SchülerInnen auch gehört werden?
  • in Organistionen mit starren Machtstrukturen ein Beben verursachen würde, weil der Status Quo durch neue Einsichten in Frage gestellt werden würde?
  • in der Politik – tagtäglich vorgelebt – nicht stattfindet, da es immer nur darum geht die Schwäche in der Argumentation des anderen zu finden?

Unsere Gesprächskultur verdammt zum Stillstand

Gregory Bateson, der Anthropologe, Sozialwissenschaftler, Biologe und Kybernetiker hat die Auffassung vertreten, dass unsere Art zu Denken zu weit entfernt ist von der Art wie die Natur funktioniert.

Die in der westlichen Welt vorherrschende Art zu kommunizieren und zu denken ist demnach zu starr, vereinfachend und gefährlich, weil so nicht auf komplexe Veränderungen reagiert werden kann. Komplexen Problemen kann nur mit vernetzten d.h. fachübergreifenden Dialogen und kontinuierlichem Lernen aus Fehlannahmen und Fehlern, begegnet werden. Die Welt besteht aus Wechselbeziehungen und Kreisläufen, die so komplex sind, dass sie nur mit offenem Herzen und kreativem Geist von gegenseitig sich zuhörenden Menschen angegangen werden können. Rollen- und Statusdenken sorgt bei diesen Herausforderungen für eine effektive Verhinderung von Entwicklung.

Immer noch werden Positionen verteidigt

Bisherige Gesprächs- und Denkformen konzentrieren sich auf Argumente und Gegenargumente und den Kampf wer gewinnt und recht hat. Dadurch geraten Diskussionen schnell zu persönlichen Machtkämpfen, anstelle zum gemeinsamen Lernen und zu optimalen Lösungen. In Stellenanzeigen wird heutzutage leider immer noch einmütig Durchsetzungs- und Verhandlungsstärke gefordert, anstelle die Fähigkeit Gesprächsprozesse so gestalten zu können, dass die besten Lösungen dabei herauskommen und alle noch mit im Boot sind.

Deswegen sind Sitzungen und Verhandlungen oftmals so unfruchtbar, da die Kreativität und das Lernen aus Fehlern ohne Gesichtsverlust nahezu unmöglich gemacht werden. Die Beteiligten kommen als Rolleninhaber, Spezialisten und Interessensvertreter mit vorher bekannten Positionen in Gesprächsrunden. Ein gemeinsames Weiterentwickeln der Ideen findet in der Gesprächsrunde so gut wie nie statt, sondern ein Ja-Aber-Gespräch.

Ein gegenseitiges Erforschen von Perspektiven wird in Diskussionen erschwert, weil es einen Verlust an Status und Zugehörigkeit bedeuten kann. Welcher Chef, Politiker oder Wissenschaftler würde in einer wichtigen Sitzung oder Talkshow verlauten lassen, dass er seine These im Dialog mit den anderen erkunden und ausbauen will? Er würde wohl eher als unseriös dastehen und von den anderen „zerrissen“ werden.

Natürlich wird das Zuhören auch durch einseitige Interressenslagen, wie zum Beilspiel beim Klimagipfel verunmöglicht. Welches Interesse hätte ein Vertreter der mächtigen Industrieländer zuzuhören? Ich vermute, er wird sich hüten echtes Interesse zu zeigen, da er sonst seinen Job riskieren und in echte Gewissenskonflikte kommen würde.

Zuhören, gemeinsam Denken und dann Entscheiden

Zuhören ist keine ausschließliche Frage der Technik, wie man sie in Kommunikationstrainings erlernen kann. Aktives Zuhören ist zwar im Prinzip eine wichtige Fähigkeit, nur ist die ständige Betriebsamkeit unserer Zeit gewiss keine Einladung dazu. Außerdem verlangt Zuhören auch ein gehöriges Maß an Selbstzurückhaltung und Präsenz. Es braucht also eine Entscheidung jetzt wirklich zuzuhören und präsent zu sein.

Zuhören bedeutet für mich aus einer Haltung des Nichtwissens heraus gemeinsam etwas Neues zu entwickeln. Der Zuhörer lernt etwas vom Sprechenden und der Sprechende lernt etwas über die Hintergründe seiner Gedanken und kann sie bestenfalls konkretisieren und verfeinern. Zuhören ermöglicht es parallel verschiedene Sichtweisen weiterzuentwickeln und Sie miteinander zu verweben, so dass sich am Ende eine Perspektive zeigt, die vermutlich reicher und realitätstauglicher ist, als die jeweiligen Ausgangsthesen. Viele bekannte Persönlichkeiten haben sich mit dem Dialog beschäftigt, in dem gemeinsam gedacht und Lösungen gefunden werden können. Siehe z.B. David BohmDer Dialog. Das offene Gespräch am Ende der Diskussionen.

Paralleles Denken

Der Begriff des Parallelen Denkens wurde von dem britischen Mediziner und Kognitionswissenschaftler Edward de Bono geprägt. In seinem Buch über die Sechs Denkhüte beschreibt er eine Methode, mit der ganz gezielt nacheinander bestimmte Perspektiven von der ganzen Gruppe eingenommen werden müssen, damit es nicht zu einseitigen Beschreibungen und Positionierungen kommen kann. Er spricht von einer egolosen Gesprächsform, die Zeit spart und bessere Ergebnisse bringt, egal ob in der Politik in Unternehmen oder in Schulen.

Weiterhin spricht er über seine Beobachtung, dass im Westen eher mit fertigen gebildeten Meinungen diskutiert wird, ganz im Gegensatz zu Japan. Dort sammle man im Dialog die Sichtweisen ein und fände ohne Wortgefechte die beste Lösung. Er argumentiert, dass im Westen, seit den Zeiten der griechischen Philosophen Sokrates, Plato und Aristoteles, eine Kultur des Analysierens, Argumentierens, des Einordnens und des Urteilens herrscht. Dieser Kultur des „was ist“ fehle der Aspekt des „was kann sein“, was konstruktives und kreatives Denken erfordert, das nicht im Streiten um die Wahrheit des „was ist“ stecken bleibt.

Die Kunst kraftvolle Fragen zu stellen macht das Zuhören leichter

Das Zuhören ist oft schon eine Qual, weil man sich vielleicht in einem Gebiet bewegt, das gar nicht interessiert und man nicht weiß, wie man das Gespräch beleben kann. Glücklich ist der, der dann eine anregende Frage stellen kann. Die folgenden Fragen helfen da manchmal

im Privaten:

  • Was bewegt dich bei dem Thema am meisten?
  • Was bedeutet ………… für dich?
  • Was ist das wichtigste daran für dich?
  • Wie wirkt sich deine Beobachtung auf …… aus?
  • Was kann ich für dich tun bezüglich ……..?
  • Wie fühlst du dich dann, wenn du das erkannt hast?
  • Ist dir daran wichtig, dass …….?
  • Was möchtest Du diesbezüglich unternehmen?
  • Würde es dir helfen, dass…….?

In Meetings:

  • Verstehe ich Sie richtig, Sie wünschen sich…..?
  • Wie stellen wir sicher, dass wir die Thematik aus ausreichend vielen Perspektiven betrachten?
  • Was könnte uns verlorengehen, wenn wir uns im Moment so mit dem Thema xyz befassen?
  • Was müssen wir noch bedenken, um….
  • Wie zufrieden sind Sie (die Gruppe) mit dem Verlauf unseres Meetings? Bitte um Daumenzeichen.
  • Wer möchte diese Aufgabe übernehmen?
  • Was ist am dringendsten zu tun, um…..?
  • Welche Vorannahmen liegen unserer Diskussion zugrunde?
  • Welche Frage, die noch nicht gestellt wurde, würde unserem Gesprächsprozess weiterhelfen?
  • Was ist das Anliegen hinter Ihrer Frage? Geht es Ihnen um…..?

Moderation – das ist dienende (Gesprächs-) Führung

Eine weitere Anregung fürs bessere Zuhören in Meetings oder bei schwierigen Familienthemen ist die Moderation. Dazu braucht man oft gar keine besonderen Skills, sondern oft reicht es einfach nur die Rolle einzunehmen. Das geht sogar abwechselnd im Team. Moderation ist nichts weiter als  dienende (Gesprächs-) Führung.

Mit der Intention ausgestattet ein guter Moderator oder eine Moderatorin für Ihre Kollegen zu sein, was würden Sie tun?

Würden Sie…

  • die Aufmerksamkeit auf ein gemeinsam vereinbartes Thema lenken?
  • bei Abschweifungen immer wieder zum Thema zurückführen?
  • die Beiträge möglichst aller TeilnehmerInnen miteinbeziehen?
  • wichtige Punkte in Textform oder grafisch am Flipchart visualisieren?
  • die Teilnehmer Ideen und wichtige Fragen auf Moderationskarten schreiben lassen?
  • die Teilnehmer abstimmen lassen?
  • kraftvolle Fragen stellen, die die Aufmerksamkeit hilfreich fokussieren?

Ich bin mir sicher, dass Sie ganz von selbst das Interesse für gute Moderationstechniken entwickeln werden, wenn Sie einmal festgestellt haben, um wieviel fruchtbarer Meetings verlaufen können, wenn alle gehört werden und alle Beiträge gewürdigt werden.

Denn sonst tun die üblichen Verdächtigen eben das, was sie dann immer tun, nämlich die einen viel Reden und die anderen viel Schweigen und das auch noch meist zu Themen, die gar nicht im Interesse aller liegen.

Und das fände ich wirklich sehr traurig, wenn so weiterhin in der Politik, in den Unternehmen und in den Familien so viel Kreativität, Motivation, Entwicklungspotential und Verbundenheit verloren ginge.

 

Auf gutes Zuhören und Gehörtwerden!

Benjamin Volk

Moderator, Mediator, Coach